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Alice Wake – Versenkung und Rückbindung in Remedys „Alan Wake“
Gedankensplitter - Sonderausgabe "Alan Wake"

Alice Wake – Versenkung und Rückbindung in Remedys „Alan Wake“

Alice, die Frau des Protagonisten, bestimmt im größten Teil der Geschichte Alans Gedanken. Sie ist der Fixpunkt auf den er zuläuft, egal was um ihn herum geschieht und wie viel Dunkelheit ihn umgibt. Doch bemerkenswerterweise ist Alice nur an wenigen Stellen als Person Teil der Geschichte. Schon im Intro äußert Alan die Angst, dass er sie verlieren könnte und genau so kommt es.

 

Ich war überzeugt, dass ich im Gefängnis landen und Alice nie wieder sehen würde.

Am Ende der Geschichte schafft es Alan, seine Frau aus der Dunkelheit zu befreien, doch bleibt die Getrenntheit weiterhin bestehen.


Wir könnten der Oberfläche der Geschichte folgen und davon ausgehen, dass eine alptraumhafte Macht, die im Caldron Lake schlummerte, Alice in die Dunkelheit gezogen hat, um Alan zum Schreiben zu bringen. Was Alan schreibt, wird wahr. Erst als der Protagonist diese Macht besiegt, wird seine Frau befreit. Er allerdings bleibt im Dunkel zurück. Das Problem dabei liegt aber im Verhältnis der Realitätsebenen zueinander. Wenn wahr wird, was Alan schreibt, die Realitätsebenen verschmelzen, er sich selbst in die Geschichte einschreibt, welchen Status nimmt der Schreibende dann zur Welt ein? Ist das, was wir am Ende des Spiels sehen, das Ende von Alans Manuskript Departure oder das Ende der Computerspiel-Geschichte Alan Wake und wo ist Alice?

Das Spiel endet mit einem Blick über Bright Falls, das sein alptraumhaftes Aussehen abgelegt hat. Die Welt der beschaulichen Kleinstadt ist so idyllisch wie zuvor. Doch scheint ein Detail am Ende auf, das der Logik der Geschichte zufolge nicht mehr bestehen dürfte. Rose, die Kellnerin des Diners, steht auf der Veranda des Lokals, mit einer Laterne in der Hand vor einem Fenster in dem Barbara Jagger zu sehen ist. Dieses marionettenhafte Bild erinnert an die Inbesitznahme des Mädchens durch die Hexe in der Mitte der Geschichte. Es stört die Kohärenz der zurückgekehrten Idylle nach dem Sieg des Schriftstellers über die Dunkelheit und Barbara und ist eines der vielen Elemente, das die Eindeutigkeit des Textes verhindert. Dieser Bruch in der Logik ist ein Hinweis darauf, dass die angenommene Logik der Geschichte nicht passt und überdacht werden muss, was im Laufe des Artikels passieren wird.

Rückbindung an die Realität

Nach seinem an der Schreibmaschine gesetzten Punkt (oder besser „full stop“) ertönt Alice’ Stimme: „Alan, wake up!“ und macht aus dem Punkt, drei Punkte als Zeichen einer Fortsetzung. 1Über die Besonderheit der Serialität als Akt der Selbstreferentialität in Alan Wake schreibt Schwaiger, Tobias: Alan Wake – Theoriediskurs im fiktionalen Gewand. In: PAIDIA – Zeitschrift für Computerspielforschung 6/2013. URL: <https://www.paidia.de/?p=2542>; Interessant ist darüber hinaus, dass es diesmal nicht Alice ist, die aufwachen soll, wie wir es aus Lewis Carrolls Alice-Geschichten kennen, sondern dass sie es ist die weckt. Dies setzt einen Kontrapunkt zum Anfang der Geschichte. Denn auch hier hören wir Alice’ Stimme, die „Alan, wake up!“ ruft. Doch während er hier aus seinem ausweglos erscheinenden Alptraum erwacht und sich auf eine Realitätsebene mit Alice begibt, fehlt diese Rückkehr am Schluss der Geschichte durch das offene Ende der drei Punkte.

Aus dem anschließenden Dialog zwischen Alan und Alice erfahren wir, dass Alan seit einiger Zeit nicht mehr richtig schlafen kann und in diesem Sinne tatsächlich „Alan, wake“, also der wache Alan, ist. Genau dieses Wachsein wird Alan zum Verhängnis. Kaum in Bright Falls angekommen verschmelzen Phantasie und Realität, so dass weder Alan noch der Rezipient sagen können, auf welcher Ebene sich die Ereignisse abspielen,  was tatsächlich passiert und was ein Produkt von Alans überreizten Nerven ist.

Doch seine überreizten Nerven sind nicht der einzige Grund für die alptraumhaften Geschehnisse. Während der Spieler und der Avatar, Alan Wake, die Geschichte erleben, wird der Eindruck vermittelt Alan Wake würde die Geschichte erzählen oder – darüber hinaus – er würde sie in dem Moment schreiben, in dem sie passiert. Die Geschichte wird im Schreibprozess wahr. Die Doppelung (oder Trippelung 2Beachte auch Tobias Schwaigers Thematisierung dieses Verhältnisses: „In die in fiktionalen Texten aus literaturtheoretischer Perspektive nicht verhandelbare Differenz zwischen realem Autor und fiktiven Erzähler wird somit ein mit der Erzählinstanz (vermutlich) deckungsgleicher fiktiver Autor zwischengeschaltet.“ Schwaiger, Tobias: Alan Wake – Theoriediskurs im fiktionalen Gewand. In: PAIDIA – Zeitschrift für Computerspielforschung 6/2013. URL: <https://www.paidia.de/?p=2542>) des Protagonisten eröffnet einen diegetischen Raum, dessen Ebenen miteinander verschmelzen und sich wechselseitig aufeinander beziehen. 3Zum Beispiel wird vermittelt, dass Alan Wake eine Geschichte schreibt, in der er selbst vorkommt und sich durch in der Geschichte befindliche Medien selbst beim Schreiben beobachten kann.

Doch Alice kommt in dieser Mischebene zwischen Schreibendem und Geschriebenem nicht vor. Die Dunkelheit und Alice – als handelnde Person – treffen nur dort aufeinander, wo das Bild der in die Tiefe gezogenen Alice gezeigt wird, also nur in Form des Verlusts. Dieses Bild wird durch seine Inbezugsetzung mit dem aufwachenden Alan als „Erinnerung“ oder „Vision“ kenntlich. Dagegen gibt es einige Szenen, in denen eine direkte Kombination von Alice und Barbara Jagger angeboten wird, allerdings nur als Alice-Maske oder Mimikry, die von Barbara getragen wird. Damit bleibt Alice ausschließlicher Teil der Realitätsebene, auf der Alan die Geschichte schreibt.

„Du lässt mich im Dunkeln stehen“

Alans Angst, Alice zu verlieren, gründet in Problemen, welche die beiden vor ihrem Urlaub in Bright Falls miteinander hatten. Alan hat den Protagonisten seiner erfolgreichen Romanserie, Alex Cassy, sterben lassen und damit diese Reihe beendet.

Doch weitere Ideen blieben aus. Er steckt in einer Schaffenskrise und seine Schreibblockaden lassen ihn immer unzufriedener und aggressiver werden, bis sich dieser Zustand auf seine Beziehung auswirkt.

Ich sehe dich an und das bist nicht du. Nur irgendein Fremder, der aussieht wie du. Er sieht mich durch deine Augen an und ich mag ihn nicht besonders und jetzt geht alles den Bach runter. (Alice auf dem Tonbandgerät des Doktors)

Das Gefühl, zu spät zu kommen, und die Angst um den Verlust seiner Frau, die sich in seinem Alptraum äußern, 4Dies ist nicht der einzige Hinweis darauf, dass sich der Alptraum auf seine momentane Lage bezieht. Die Dunkelheit erscheint zuerst in Form des durch den Autounfall getöteten Anhalters. Dieser macht Alan Vorwürfe, dass er ihn tot-geschrieben hat. Dies kann als Hinweis auf seinen letzten Roman verstanden werden. Nach dem erschriebenen Tod seines Protagonisten beginnt die Problematik der Schaffens- und Beziehungskrise. korrespondieren auf diese Weise mit dem Termindruck (durch eine „deadline“) und mit seinen Beziehungsproblemen.

„Ich muss dir ein Geständnis machen. Ich hab’ gedacht, dass du hier vielleicht schreiben könntest…“

Alice ist nicht nur Alans Frau. Alice ist seine Muse, er kann ohne sie nicht schreiben. Außerdem unterstützt sie ihn beim Schreiben, indem sie seine Manuskripte layoutet und vermutlich auch lektoriert. Sie wird also Teil seiner Schaffenskraft. Seine Schreibblockade beeinflusst auch auf diese Weise ihre Beziehung.

Als sie ihm im Urlaub einen Raum mit einer Schreibmaschine zeigt, wird er aggressiv. Ihr „sanfter Druck“ Alan zum Schreiben zu bewegen, lässt Barbara Jagger erscheinen, Alans „strenge Lektorin“ 5Alan nennt Barbara Jagger in der Vermittlung des Zeitraums zwischen dem Autounfall und dem Beginn seines Schreibprozesses seine „strenge Lektorin“.. 6Unabhängig von meiner Wortwahl ist Tobias Schwaiger zu einer ähnlichen Einschätzung gekommen und spricht im Kontext zu Barbara Jaggers „Druck“ auf Alan von „sanfter Gewalt“.Schwaiger, Tobias: Alan Wake – Theoriediskurs im fiktionalen Gewand. In: PAIDIA – Zeitschrift für Computerspielforschung 6/2013. URL: <https://www.paidia.de/?p=2542> Alice tritt damit in eine Doppelrolle. Zum einen ist sie als seine Frau, durch ihre Liebe und Unterstützung eine Rückbindung an die Realität, 7So weckt sie Alan beispielsweise aus seinem Alptraum am Anfang der Geschichte auf. In einer der Rückblenden in ihrem New Yorker Appartement zeigt sie ihm zudem die Realität auf, indem sie ihm während eines Streites eine dominante Deutung für den Grund des Streits aufzeigt. Während Alan sich benimmt, als würde er den Verstand verlieren und an ihrer beider Beziehung zweifelt, bleibt Alice ruhig, schildert ihm, unter welchem Druck er momentan steht und macht ihm den Vorschlag, sich nach der zurückliegenden durchzechten Nacht noch ein wenig auszuschlafen. zum anderen drängt sie ihn als seine Muse, Mitarbeiterin und Kollegin dazu, in die Fiktion einzutauchen, um etwas zu schaffen. Direkt nach diesem Ereignis beginnt die Misere. Alice versinkt (offenbar) in der Dunkelheit und Alan tut es ihr gleich. Allerdings ist das Versinken Alans eine Versenkung in den Schreibprozess.

Der Beginn des Schreibprozesses und Alans eigenes Eintauchen in die Geschichte als Figur werden zueinander in Bezug gesetzt. Dies wird durch einen Schnitt zwischen Alan an der Schreibmaschine und Alans Erwachen im demolierten Wrack seines Autos vermittelt, während die Geschehnisse der dazwischen liegenden Zeit erst später aufgeklärt werden. Seine „strenge Lektorin“ Barbara Jagger bringt Alan dazu, eine Woche lang ohne Unterbrechung zu schreiben und das Dunkel aus dem See zu beschwören. Während der Woche des rauschhaften Schaffens schreibt der klare Teil Alans Thomas Zane, das Licht im Taucheranzug und Barbaras Partner bzw. Widerpart, in die Geschichte ein, um sich selbst die Flucht vor der Dunkelheit zu ermöglichen und zurück zu Alice zu kommen.

Träume „sind die Antithese der Poesie der Angst“ 8Dieses Zitat stammt, wenn man dem Intro glaubt, von Stephan King.

In Barbara Jagger, der Dunkelheit und den Besessenen manifestiert sich Alans Angst, Alice zu verlieren, in etwas, das Alice in der Realität als Bedrohung empfindet. Alice hat Angst vor der Dunkelheit und Dunkelheit wird in verschiedenen Ausformungen zu Alans Widersacher bei dem Versuch, zu seiner Frau zurückzukommen.

In dem Moment, in dem Alan seine Schreibblockade und die damit verbundene Angst im Symbol der Dunkelheit verortet, hat er den ersten Schritt getan, um die Blockade zu überwinden. Doch die Dunkelheit ist – wie auch die von der Dunkelheit Eingenommenen – nicht zu greifen. Erst als er durch Thomas Zane einen Weg findet, die Dunkelheit und die aus ihr hervorkommenden Wesen zu beleuchten, kann er sie auch bekämpfen und die Hindernisse überwinden, die ihn von seiner Frau getrennt halten.

Barbara Jagger, die Dunkelheit, und Thomas Zane, das Licht, werden damit zu den wichtigsten Anregungen für seinen Schaffensprozess, der gleichzeitig die Überwindung seiner Krise beinhaltet. Die Woche der Beschwörung der Dunkelheit in all ihren Facetten beginnt mit dem Erscheinen Barbaras in der Hütte. Der Weg zur Überwindung der Dunkelheit beginnt mit dem Auftauchen von Thomas Zane; oder im Kontext des Schaffensprozesses ausgedrückt: Alan hat nun den Ausgangspunkt der Geschichte, die gestörte Ordnung, und einen Weg die Unordnung zu beheben, also den Weg des Helden, und ist damit fähig seine Schreibblockade zu überwinden. Die Verschmelzung der Ebenen des Schreibprozesses und des Geschichtsverlaufs wird auf diese Weise eindrucksvoll figuriert.

Tom und Barbara

Aber die Geschichte ist auf vielfältige Weise ambig angelegt. Man erfährt, dass Tom und Barbara, wie Alan und Alice bis zu einem nicht näher bestimmten Vorfall, bei dem Tom Barbara verlor, ein Paar gewesen sind. Alice und Barbara werden wie Alan und Tom immer wieder zueinander in Bezug gebracht, so dass der Eindruck eines analogen Verhältnisses entsteht. Die interessanteste Beziehung der beiden Paare zueinander liegt aber in ihrer Bedeutung für die Erschaffung von Kunst.

So wie Alice Alans Muse ist und ihn gleichzeitig zum Schreiben animiert wie antreibt, wird auch Barbara Jagger seine Muse, ist Toms Muse, bis er sie verliert. Tom versucht Barbara herbeizuschreiben, aber erschafft damit ein herzloses Wesen. In der Geschichte heißt es, dass er der durch das Schreiben Erschaffenen das Herz herausschneidet. Dies ist wohl aber vielmehr eine entmetaphorisierte Variante dafür, dass er ihr durch sein Schreiben das Herz herausschneidet. Er macht sie also unglücklich durch sein Schreiben oder er schafft es nicht, Barbara durch das Schreiben zurückzuholen, sondern erschafft etwas, das wie eine Barbara ohne Gefühl und ohne Leben ist.

Der See macht die Kunst wahr. Die Auflösung des Künstlers in sein Schaffen, aber auch die Auflösung des Rezipienten in ein Werk werden in der Literatur und im Film immer wieder mit dem Wasser oder dem Eintauchen darin symbolisiert. 9Neben klassischen Beispielen bei Goethe oder den Romantikern (Glaser, Horst Albert: Der Mythos des Wassers bei Goethe. In: Celebrating comparativism 1994, 269/275, Härtling, Peter: Das wandernde Wasser : Musik und Poesie der Romantik ; Salzburger Vorlesungen, 1994. Stuttgart 1994.) können auch neuere Fälle wie Rainer Werner Fassbinders Welt am Draht von 1973 genannt werden. Durch das Eintauchen in den See verschmelzen Realität und Fiktion. Doch Toms Versuch, seine Frau in der Geschichte zu erschaffen, misslingt, weil Zane nicht „die richtige Balance“ findet:

I could feel Alice’s presence close by. I understood what I had to do now. I knew how to write the ending to „Departure“. There is light and darkness, cause and effect. There’s guilt and there’s atonement. But the scales always need to balance, everything has a price. That’s where Zane had gone wrong. There’s a long journey through the night back into the light.

Alan und Alice – Der Klicker

Am Ende der Geschichte kann Alan das herzlose Wesen Barbara nur dadurch besiegen, dass er den Klicker an der leeren Stelle betätigt, an der ihr Herz gewesen ist.

In einer Analepse erfahren wir, dass Alan Alice einen alten Lichtschalter schenkte, der ihr die Angst vor der Dunkelheit nehmen sollte. Es handelt sich dabei um ein Artefakt aus seiner Kindheit, das Alpträume und Monster durch ein Klicken vertreiben sollte. In dieser Rückblende wird die Übergabe des Gegenstandes als ein Zeichen der Liebe der beiden zueinander inszeniert. Ob sich die Geschichte des Klickers allerdings tatsächlich zugetragen hat oder nur ein Versuch war, Alice die Angst vor der Dunkelheit zu nehmen, bleibt in der Schwebe. Während Alice den Wahrheitsgehalt anzweifelt, wird er im weiteren Verlauf der Geschichte durch Thomas Zane als wahr verhandelt. Denn in einer merkwürdigen Wendung der Geschichte erfahren wir, dass Thomas Zane den Klicker in die Geschichte eingeschrieben haben soll. Dies ist kaum zu erklären, wenn wir nicht annehmen, dass Thomas [S]ane nicht nur durch den „klaren Teil“ Alan Wakes in die Geschichte eingeschrieben wurde, sondern dass Tom diesen klaren Teil verkörpert. Wie sollte sich sonst erklären,  dass eine Figur, die in die Geschichte eingeschrieben wurde, nun wiederum etwas in die Geschichte einschreibt.

Das Klicken beendet nicht nur die Angst vor der Dunkelheit, sie löst die Dunkelheit auf und damit das Unheil, das in die beschauliche Idylle eingebrochen ist. Die Geschichte kommt damit an ein Ende. Die Angst vor der Schreibblockade ist überwunden, die „strenge Lektorin“ ist verschwunden und Alice kehrt aus der Dunkelheit zurück. Doch Alan bleibt in seinem Zustand des Schreibens.

Obwohl Alice’ Stimme den Schreiber mahnt „Alan, wake up“, wacht Alan nicht auf. Alice und Alan bleiben getrennt, denn eine neue Gefahr taucht auf. Alan kann nicht aus der Fiktion heraustreten. Nach der Logik der Geschichte schreibt Alan, dass er selbst schreibt, wie die Geschichte zu Ende geht und dass er nicht aus der Geschichte heraustreten kann. Ein mise en abyme?

Die Hybris der Deutung

Alice versucht Alan zu wecken, doch er bleibt in seinem Schreibrausch, er bleibt in der Fiktion. Alans Perfektionismus, der im Gegensatz zu Thomas Zane steht, will eine Balance finden. Er geht den Text erneut durch und beginnt ihn zu analysieren. 10Vergleichbar ist dieses Bild mit dem Alten vom Wandernden Berge aus Michael Endes Die Unendliche Geschichte: „Wenn ich das tue [Anm. AS: die Geschichte noch einmal aufrollen und vorlesen], so muss ich alles von Neuem schreiben und was ich schreibe, wird von Neuem geschehen.“ Die vielen Ambivalenzen innerhalb des Textes bedingen allerdings den Verlust der Textstruktur. Dies findet in den DLCs „Das Signal“ und „Der Schreiber“ seinen Ausdruck. Alle Orte, alle Personen und Ereignisse schwimmen und werden variabel angeordnet und neu kombiniert. Die durch das Verwischen der Ebenen erschwerte Zuordnung der Ereignisse zur Textwirklichkeit oder zur Metadiegese löst sich durch den Versuch auf, den Text zu entschlüsseln. Sobald man eine Deutung der anderen vorzieht, bricht die Konstruktion der Welt in sich zusammen, bzw. reißt der Stoff der Diegese in Stücke. Beispielsweise macht Alan in „Das Signal“ eine selbstreflexiv-psychologisierende Deutungsebene seines Textes auf, in die er die problematische Beziehung zu seinem Vater aufgreift. Hierdurch stürzt er nicht nur sich selbst in einen Zustand des Wahnsinns, sondern die Elemente der Diegese werden auch wie wild durcheinander gewürfelt und die Personen der Geschichte werden zu substanzlosen Pappfiguren oder durchsichtigen Wegweisern, die nur mehr auf diese eine Ebene hinweisen. 11Zane steht dann als väterliche Helferfigur da, sein bester Freund Barry Wheeler gilt dann als Vaterersatz.

Der Clou, der dem Entwicklerstudio Remedy hier gelungen ist, ist es, den Text trotz einer großen Zahl verschiedener Deutungsansätze in der Schwebe zu halten. Für die Analyse von Alice kann daraus die einzig mögliche Folgerung sein, dass die ambivalenten Bedeutungspole der Figur aufgezeigt und zueinander in Beziehung gesetzt werden, ohne dabei einer Deutung den Vorzug zu geben. Es können nur Möglichkeiten dargestellt werden, da die Logik des Textes keine Eindeutigkeiten zulässt.

„Das ungelöste Geheimnis verfolgt uns am längsten und es ist das, woran wir uns schließlich erinnern.“

Fußnoten   [ + ]

1. Über die Besonderheit der Serialität als Akt der Selbstreferentialität in Alan Wake schreibt Schwaiger, Tobias: Alan Wake – Theoriediskurs im fiktionalen Gewand. In: PAIDIA – Zeitschrift für Computerspielforschung 6/2013. URL: <https://www.paidia.de/?p=2542>; Interessant ist darüber hinaus, dass es diesmal nicht Alice ist, die aufwachen soll, wie wir es aus Lewis Carrolls Alice-Geschichten kennen, sondern dass sie es ist die weckt.
2. Beachte auch Tobias Schwaigers Thematisierung dieses Verhältnisses: „In die in fiktionalen Texten aus literaturtheoretischer Perspektive nicht verhandelbare Differenz zwischen realem Autor und fiktiven Erzähler wird somit ein mit der Erzählinstanz (vermutlich) deckungsgleicher fiktiver Autor zwischengeschaltet.“ Schwaiger, Tobias: Alan Wake – Theoriediskurs im fiktionalen Gewand. In: PAIDIA – Zeitschrift für Computerspielforschung 6/2013. URL: <https://www.paidia.de/?p=2542>
3. Zum Beispiel wird vermittelt, dass Alan Wake eine Geschichte schreibt, in der er selbst vorkommt und sich durch in der Geschichte befindliche Medien selbst beim Schreiben beobachten kann.
4. Dies ist nicht der einzige Hinweis darauf, dass sich der Alptraum auf seine momentane Lage bezieht. Die Dunkelheit erscheint zuerst in Form des durch den Autounfall getöteten Anhalters. Dieser macht Alan Vorwürfe, dass er ihn tot-geschrieben hat. Dies kann als Hinweis auf seinen letzten Roman verstanden werden. Nach dem erschriebenen Tod seines Protagonisten beginnt die Problematik der Schaffens- und Beziehungskrise.
5. Alan nennt Barbara Jagger in der Vermittlung des Zeitraums zwischen dem Autounfall und dem Beginn seines Schreibprozesses seine „strenge Lektorin“.
6. Unabhängig von meiner Wortwahl ist Tobias Schwaiger zu einer ähnlichen Einschätzung gekommen und spricht im Kontext zu Barbara Jaggers „Druck“ auf Alan von „sanfter Gewalt“.Schwaiger, Tobias: Alan Wake – Theoriediskurs im fiktionalen Gewand. In: PAIDIA – Zeitschrift für Computerspielforschung 6/2013. URL: <https://www.paidia.de/?p=2542>
7. So weckt sie Alan beispielsweise aus seinem Alptraum am Anfang der Geschichte auf. In einer der Rückblenden in ihrem New Yorker Appartement zeigt sie ihm zudem die Realität auf, indem sie ihm während eines Streites eine dominante Deutung für den Grund des Streits aufzeigt. Während Alan sich benimmt, als würde er den Verstand verlieren und an ihrer beider Beziehung zweifelt, bleibt Alice ruhig, schildert ihm, unter welchem Druck er momentan steht und macht ihm den Vorschlag, sich nach der zurückliegenden durchzechten Nacht noch ein wenig auszuschlafen.
8. Dieses Zitat stammt, wenn man dem Intro glaubt, von Stephan King.
9. Neben klassischen Beispielen bei Goethe oder den Romantikern (Glaser, Horst Albert: Der Mythos des Wassers bei Goethe. In: Celebrating comparativism 1994, 269/275, Härtling, Peter: Das wandernde Wasser : Musik und Poesie der Romantik ; Salzburger Vorlesungen, 1994. Stuttgart 1994.) können auch neuere Fälle wie Rainer Werner Fassbinders Welt am Draht von 1973 genannt werden.
10. Vergleichbar ist dieses Bild mit dem Alten vom Wandernden Berge aus Michael Endes Die Unendliche Geschichte: „Wenn ich das tue [Anm. AS: die Geschichte noch einmal aufrollen und vorlesen], so muss ich alles von Neuem schreiben und was ich schreibe, wird von Neuem geschehen.“
11. Zane steht dann als väterliche Helferfigur da, sein bester Freund Barry Wheeler gilt dann als Vaterersatz.

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: Alice Wake – Versenkung und Rückbindung in Remedys „Alan Wake“. 26.06.2013. Zugriff: 29.10.2020 - 23:05.

Andreas Schöffmann

Andreas Schöffmann arbeitet und promoviert an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Nach einem Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien mit der Fächerkombination Deutsch, Geschichte, Philosophie/Ethik, Medienpädagogik sowie des Magister Artiums in Neuerer Deutschen Literatur befasst er sich mit der Frage nach einem kompetenten Umgang mit Computerspielen als Teil der Werteerziehung. Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage der Forschungsstelle Werteerziehung und Lehrerbildung: http://www.wul.germanistik.uni-muenchen.de/personen/mitarbeiter/schoeffmann_andreas/index.html