“Someone else would have gotten it wrong” – Wissenschaftsethik in Zeiten intergalaktischer Bedrohungen

von

Carolin Wendt

Abstract: Die Welt des Action-Rollenspiels Mass Effect (BioWare: 2007-2017) ist ohne das Element Zero nicht denkbar – es ermöglicht nicht nur Reisen mit Über­lichtgeschwindigkeit, sondern auch zuvor noch unvorstell­bare Waffen- und Rüstungstechnologien. Planeten und Weltraumstationen sind bevölkert von Wissenschaftler*innen und mit den Salarianern hat sich eine gesamte Rasse in den Dienst der Wissenschaft gestellt.

Einen von ihnen - Mordin Solus - haben Spieler*innen als Leiter ihrer Wissenschaftsabteilung an Bord. Mordin sieht sich selbst als Idealtypus des salarianischen Wissenschaftlers, der alle Entscheidungen durch rein rationale Abwägungen trifft. Er war leitend verantwortlich für die Erfor­schung und Umsetzung der Genophage, eines Virus, das einen drastischen Eingriff in die Fruchtbarkeit der kriegsfreudigen und daher galaktisch gefürchteten Kroganer darstellt. Verteidigt er das Vorgehen mit Blick auf die Verfestigung des intergalaktischen Friedens anfangs noch vehement, hadert er im Verlauf des Spiels immer stärker mit seinen Handlungen und ihren Folgen. Im Laufe der Bedrohung durch die Reaper und nach vertieften Gesprächen mit Team-Mitgliedern entscheidet sich Mordin dazu, die Genophage zu heilen und widmet diesem Plan seine gesamte Aufmerk­sam­keit. Da er sie verursacht hat, sieht er sich explizit in der Verantwortung gegenüber dem kroganischen Volk. Für diese Überzeugung opfert er letztendlich sein Leben.

In allen Handlungssträngen dieses Universums existiert Wissenschaft in einem gewissen moralischen Nebel, in dem utilitaristische und altruistische Ansätze koexistieren und teils von denselben Personen in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens verfolgt werden. Altruismus meint dabei nicht Handeln, das lediglich an der Einhaltung impliziter und expliziter gesellschaftlicher Normen und Werte ausgerichtet ist. Stattdessen richten Akteure ihr Vorgehen freiwillig am Wohle anderer aus, um sich selbst auferlegten, moralischen Standards gerecht zu werden – und nehmen gegebenenfalls sogar eine eigene Schlechterstellung in Kauf.

Mordin verdeutlicht dies exemplarisch, aber das Prinzip wird in zahlreichen Momenten deutlich. Wissenschaftliche Errungenschaften beeinflussen spürbar die Welt, sind mitverantwortlich für die Hierarchie der ver­schie­denen Spezies untereinander und integraler Bestandteil der meisten Haupt- und Nebenquests. Viele dieser Aufgaben beleuchten jedoch auch Risiken und Missbrauch von Wissenschaft und werfen somit Fragen nach einer eventuellen Notwendigkeit von Grenzen der Forschung auf. Die Darstellung von wissenschaftlicher Ethik innerhalb dieses Universums zu analysieren und subtile Bewertungen oder Fragen zu untersuchen, bietet Einblicke in das heutige populärkulturelle Verständnis von Wissenschaft und eröffnet Fragen, deren Beantwortung auch die realweltlichen Debatten in wissensbasierten Gesellschaften bereichern kann.

 

Wissenschaftsethik in Zeiten intergalaktischer Bedrohungen

Science-Fiction-Welten nutzen seit jeher wissenschaftliche Errungen­schaften wie das Terraforming oder Antriebe mit Über­licht­geschwindigkeit, um die Besiedlung fremder Planeten und das Erkunden ferner Galaxien zu erklären. Das Weltraum-Epos Mass Effect (BioWare: 2007-2017) ist dabei keine Ausnahme, bilden doch die Wissen­schaft und ihre Errungenschaften die Grundlage für das gesamte, bekannte Universum. Bei der Erstellung des Charakters kann die Hauptfigur wahlweise männlich oder weiblich sein. Der folgende Artikel geht von einer weiblichen Shepard aus.

Die Geschichte um Commander Shepard wäre ohne Element Zero nicht denkbar. Jenes entdeckten die Menschen im Jahr 2148 auf einer Mars-Expedition. Indem sie das Element mit Elektrizität manipulierten, fanden sie heraus, dass es elektromagnetische Effekt-Felder kreieren kann, welche die Masse von Objekten verringern oder erhöhen. Dies ermöglichte den Menschen erstmals das Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit und 2157 dann den ersten Kontakt mit einer außerirdischen Spezies. Auf diese Weise werden auch die Massenrelais betrieben, die unverzögertes Reisen zwischen festgelegten Punkten ermöglichen. Dies alles wäre ohne eine beträchtliche Anzahl an Wissenschaftler*innen nicht möglich, sodass diese auf allen Planeten und in allen Raumstationen vertreten sind und einen integralen Bestandteil der Crews von Raumschiffen ausmachen.

Aufgrund der Galaxis-gefährdenden Bedrohung durch die sogenannten Kollektoren und Reaper sowie humanitäre Krisen durch Kriege, Ver­treibungen und ethnische Konflikte haben die Wissenschaftler*innen Möglichkeiten, entscheidend in politische und gesellschaftliche Prozesse einzugreifen und werden dem Militär oftmals als ebenbürtig gegenüber­gestellt. Wissenschaftler*innen erschaffen die neuesten Waffenupgrades, können den genetischen Code von Lebewesen be­ein­flus­sen und künstliche Intelligenz erschaffen. Bei den Reapern handelt es sich um eine mehrere Millennia alte, mächtige Rasse aus synthetisch-organischen Raumschiffen, die alle 50.000 Jahre aus ihrem Ruhezustand erwacht, um die weiter­ent­wickelten synthetischen Lebensformen der Galaxis durch genetische Manipulation zu versklaven oder zu töten. Die Kollektoren sind eine insektenartige Spezies und dienen den Reapern. Im Verlauf der Geschichte findet Shepard heraus, dass es sich bei den Kollektoren um die einst mächtige Rasse der Protheaner handelt, die 50.000 Jahre vor der Handlung von Mass Effect von den Reapern indoktriniert wurden.

Die Reaper nutzen für ihren Vernichtungszyklus Technologie. Die Citadel – gesellschaftliches, kulturelles und politisches Zentrum der Galaxis - ist eigentlich ein Massenrelais, das sie für ihre Ankunft nach der Hibernation nutzen können. Gleichzeitig lassen sie diese fortgeschrittene Technologie zurück, um zu garantieren, dass neue synthetische Lebensformen ebenfalls in den von ihnen vorgesehenen Bahnen forschen und sich in der Citadel ansiedeln.

Auch Cerberus, die größte Terrororganisation der Menschen, hat Wis­sen­schaft und Technologie als zentrale Mittel für ihren Erfolg aus­er­koren. Ein Forschungsschwerpunkt liegt in der menschlichen Biotik und kyber­neti­schen Amplifizierung – mit dem Endziel der genetischen Erschaffung von menschlichen Supersoldaten. In diesem Kontext startet die Organisation etwa nach dem Tod Shepards zu Beginn von Mass Effect 2 das Lazarus-Projekt, dessen Kerninhalt es ist, Shepard zu reanimieren und fortan für ihre Zwecke einzusetzen.

Doch ebenso wie Humanexperimente und Eingriffe in die körperliche Selbstbestimmtheit in der realen Welt meist starker Kritik ausgesetzt sind, bleibt auch das Vorgehen der Wissenschaftler*innen im Mass Effect-Universum nicht unkommentiert. Dialoge über die ethisch-vertretbare Verwendung von Wissenschaft sowie die Kritik diverser Völker an dem Handeln der Salarianer*innen und Menschen werfen die Frage auf, ob der Wissenschaft alles Machbare erlaubt sein oder ob diese nicht vielmehr einer (implizierten) wissenschaftlichen Ethik folgen sollte.

Es stellen sich somit einige Fragen an den Umgang von Mass Effect mit Wissenschaft und ihrem Personal im Speziellen. Wie sind die Wissen­schaft­ler*innen portraitiert? Bedienen sie eher das Klischee des verrückten Genies oder sind sie Teamplayer? Welchem Zweck dient der wissenschaftliche Fortschritt? Welchen ethischen Maßstäben folgt das wissenschaftliche Arbeiten?

Um einige erste Antworten auf diese Fragen zu liefern, greift der Artikel im Folgenden exemplarisch Wissenschaftler*innen sowie Projekte heraus, die besonders relevant für die Story des Spiels sind und somit auch den größten Einfluss auf Rezipient*innen vermuten lassen. Dabei sollen vor allem die dargestellten Motive der Figuren beleuchtet werden, die sie als Begründung für Verhalten und Entscheidungen heranziehen. Durch diesen Fokus können mögliche wissenschaftliche Ethiken der einzelnen Akteure heraus­gearbeitet werden. Die Reaktionen von Nichtspieler-Charakteren sowie vor-gerenderte Dialoge von Shepard können darüber hinaus aufzeigen, ob die Ethik der Wissenschaftler*innen mit jener der Spielwelt übereinstimmt.

Die Darstellung wissenschaftlicher Praktiken sowie der Wissen­schaft­ler*in­nen im Spiel können kurz- und langfristig auch das Interesse und die Ein­stel­lungen von Spieler*innen gegenüber der Materie positiv sowie negativ beeinflussen.1 Darüber hinaus könnte auch die – ihnen von den Spieler*innen zugeschriebene - Verantwortung der Wissen­schaft­ler*innen für ihr Handeln davon abhängen, ob und wie medial portraitierte Wissen­schaftler*innen sich an ethischen Maßstäben orientieren. Wissenschaftliche Ethik meint hier keine Kollektiv­verantwortung der Wissenschaft per se, sondern bezieht sich auf die individuelle Verantwortung wissenschaftlich tätiger Individuen, ihr Handeln an geltenden ethischen Standards auszu­rich­ten und auf mögliche Konsequenzen für die Gesellschaft und betroffene Individuen zu hinterfragen. Gesellschaftliche Standards unterliegen jedoch konstantem Wandel und werden vom Zeitgeist und externen Heraus­for­derungen beeinflusst. Um dennoch einen angemessenen Beurteilungs­maß­stab heranziehen zu können, wird das Verhalten der Akteure nach den Kriterien der Prinzipien der biomedizinischen Ethik nach Beauchamp und Childress geprüft.2

Eigentlich für die Biomedizin ausgearbeitet, dienen die vier Prinzipien – Respekt von Autonomie, Schadensvermeidung, Fürsorge und Gerechtigkeit – auch als geeignete Grundlage für die Beurteilung ethischen Handelns anderer Wissenschaftler*innen. Die Prinzipien stehen gleichberechtigt nebeneinander – stehen sie in bestimmten Fällen miteinander in Konflikt, müssen Wissenschaftler*innen selbst abwägen, welche Prinzipien sie als höherwertig einstufen. Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass kleinere Verschiebungen beim Verhalten abgebildet werden können, ohne die Motive und Entscheidungen unter der möglicherweise einengenden Brille einer bestimmten Moralphilosophie zu betrachten.

Töten im Auftrag des Friedens

Die Handlung von Mass Effect beginnt 2183 auf der Kolonie Eden Prime. Zu diesem Zeitpunkt liegt der Erstkontakt der Menschheit mit einer außer­irdischen Spezies noch keine dreißig Jahre zurück. Er endete im so­ge­nannten Erstkontaktkrieg mit den Turianer*innen. Die Konfliktfreude und das Machtstreben der Menschen sorgen dafür, dass die anderen Spezies der Galaxis den Menschen mit Skepsis gegenübertreten. Doch als eine tatsächliche Bedrohung gelten sie bis heute kaum. Diese Rolle kommt seit mehreren Jahrhunderten vor allem den Kroganer*innen zu, die sich evolutionär an die besonderen Bedingungen auf ihrem lebensfeindlichen Heimatplaneten Tuchanka angepasst haben. Dies beinhaltet vor allem auch einen immensen technologischen Fortschritt. Doch der harte Über­lebens­kampf und die Konkurrenz der einzelnen Clans untereinander führten dazu, dass sie ihre Technologien gegen sich selbst einsetzten. Ein Nuklear­krieg zerstörte ihren Planeten und vergiftete seine Atmosphäre. Doch auch daran lernten die Kroganer*innen sich anzupassen.

Die Bewohner*innen der Galaxis fürchten die Kriegslust der Kro­ga­ner*in­nen. Doch ein Krieg mit der Insektenrasse der Rachni zwingt sie erneut zur Kooperation mit Tuchanka. Die Salarianer*innen helfen ihnen dabei, militärisch und technologisch wieder zu erstarken, um die Rachni zu besiegen. Sie entwickeln auch die Shroud, ein Gebilde aus Türmen, dass die toxische Atmosphäre auf Tuchanka reinigen kann. Als den Kroganer*innen der Sieg über die Rachni gelingt, bekommen sie deren fruchtbarere Planeten zugesprochen, vermehren sich aufgrund ihrer guten Anpassungsfähigkeit rapide und richten dann ihre Aufmerksamkeit auf die anderen Rassen – die resultierende kroganische Rebellion sowie ihre teilweise gewaltsame Expansion auf Planeten anderer Rassen dauert mehrere Jahrhunderte an.

Irgendwann sehen sich die Mitglieder des Citadel-Rats – der höchsten Regierungsinstanz der Galaxis – gezwungen, auf das offensive Vorgehen der Kroganer*innen zu reagieren. Ihre Lösung finden sie in der Wissenschaft.

Die militärische Bedrohung der Kroganer*innen sehen die anderen Rassen in ihrem rapiden Bevölkerungswachstum begründet. Angepasst an härteste planetare Bedingungen ist die Geburtenrate auf den fertilen Neu­eroberun­gen auf bis zu 1000 erfolgreich befruchtete Eier pro Jahr und Kroganerin gestiegen. Verbunden mit ihrer natürlichen Stärke und dem zu erwartenden Lebensalter von bis zu 1000 Jahren erreichen sie schnell eine beträchtliche Bevölkerungszahl. Dies ändert eine salarianische Erfindung – die Genophage.

Bei der Genophage handelt es sich um eine biologische Waffe, die alle Kroganer*innen mit einer genetischen Mutation infiziert. Als Resultat wachsen die meisten kroganischen Eier nicht mal zu Föten heran; ein überwältigender Anteil des kroganischen Nachwuchs wird seit der Infektion tot geboren. Durchschnittlich schlüpft seitdem nur aus einem von 1000 Eiern lebendiger Nachwuchs.

Die salarianische Überzeugung ist weitestgehend, dass niemand eine Waffe mit solch verheerenden Konsequenzen einsetzen würde. Sie entwickelten sie eigentlich nur als Druckmittel im Falle eines direkten Konflikts, halten jedoch die Turianer*innen nicht von der Implementierung des Virus in die Shroud ab.

Dieser Akt sorgt dafür, dass die kroganische Rasse kontinuierlich dezimiert wird und sich stetig ihrer Auslöschung nähert. Gerechtfertigt wird der Einsatz der Genophage mit der Aggressivität der Kroganer*innen. Das Fortbestehen der restlichen galaktischen Spezies könne nur durch einen solchen Angriff auf die kriegstreibenden Kroganer*innen gesichert werden. Für ihre Initiative werden die Turianer*innen in den Rat der Citadel aufgenommen – eine immense Belohnung für diese verhältnismäßig junge Rasse. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Genophage erfolgt kaum. Die Parallelen zur Realität sind deutlich, lässt sich doch die Genophage deutlich der Eugenik zuordnen. Eine gesamte Rasse wird genetisch modifiziert, um deren Verbreitung und die Weitergabe ihres Erbguts zu verhindern. Selbst einige tragende Argumente der Rassenhygiene werden in Dialogen aufgegriffen. Mordin stellt die rasante Fortpflanzung der kro­ga­nischen Rasse im Verhältnis zu anderen Spezies als Gefahr dar, die die anderen Rassen in ihrer Existenz bedrohe. Spieler*innen können selbst den Bezug zu realweltlichen Beispielen wie etwa Zwangssterilisationen während der nationalsozialistischen Diktatur im 20. Jahrhundert herstellen.

Doch die Spieler*innen kommen in ihrer Rolle als Commander Shepard mit mehreren Kroganer*innen in Kontakt und erleben das immense Leid, das die Genophage für sie bedeutet. Spätestens mit der Aufnahme des kroganischen Team-Mitglieds Urdnot Wrex wird die theoretische Diskussion für Shepard um eine persönliche Ebene erweitert. Den Hedonismus, das verstärkte Söldnertum, den wachsenden Fatalismus – all dies erklärt der Kroganer durch die Hoffnungslosigkeit mit der die Genophage seine Artgenossen infiziert habe.

Zu Beginn des ersten Teils von Mass Effect findet dieser Eingriff in die körperliche Autonomie der Kroganer*innen seit über einem Millennium statt und konnte von ihnen bisher nicht gestoppt werden. Stattdessen untersucht eine speziell dafür eingerichtete Zelle der salarianischen Spionagegruppe – die Special Tasks Group – evolutionäre Anpassungen der Kroganer*innen, die eine Abschwächung der Genophage vermuten lassen, und entwickeln den Virus so fort, dass er weiterwirken kann. Einer der wichtigsten Agenten dieser Special Tasks Group ist der Forscher Mordin Solus.

Das hadernde Genie

Mordin Solus ist ein salarianischer Wissenschaftler mit einem Fokus auf Genetik. Ab dem Jahr 2185 ist Mordin ein Crew-Mitglied der Normandy, Shepards Raumschiff. Zuvor entwickelt er als Mitglied der salarianischen Special Tasks Group führend die Genophage sowie deren Modifikation. Seine Rolle geht dabei über die des reinen Befehlshabers hinaus. Als seine Studien zum kroganischen Bevölkerungswachstum eine mögliche Adaption an den Virus aufdecken, kämpft er erfolgreich für eine Intensivierung der Maß­nah­men. Innerhalb weniger Wochen implementiert er einen modi­fi­zierten Strang der Genophage auf Tuchanka.

Seine Forschung betrachtet er nach rein logischen Maßstäben. Er ist davon überzeugt, dass die Kroganer*innen bei ungehemmtem Wachstum zu einer solchen Gefahr für die Galaxis werden würden, dass sie anderen Spezies mehr Leid antäten als die Genophage ihnen. Als Konsequenzialist ist er überzeugt, dass seine Arbeit an der Genophage deshalb das einzig Ver­tret­bare ist. Emotionale Abwägungen sind ihm dabei fremd – rein rechnerisch könne er mit der Schwächung der kroganischen Geburtenrate mehr Leben retten, als dafür Kroganer*innen sterben müssten bzw. nicht geboren würden – weshalb diese Entscheidung für ihn auch moralisch die richtige ist.

„Lots of ways to help people. Sometimes heal patients, sometimes execute dangerous people. Either way helps.” [Mordin]

Für seine wissenschaftlichen Überzeugungen geht Mordin auch persönliche Risiken ein. Als idealen Ort für die Installation der modifizierten Genophage hat er beispielsweise eine bestimmte Stelle innerhalb eines unterirdischen Tunnels errechnet. Dort trifft die kleine Gruppe von Forscher*innen jedoch auf bewaffnete Kroganer*innen. Weil er nicht von seinem errechneten Optimum abweichen will, gerät seine Gruppe in einen Kampf mit den Kroganer*innen – und er verliert dabei dauerhaft eines seiner zwei Hörner.

Die wichtigste Charakteristik Mordins – seine Arbeit als Wissenschaftler – wird bereits bei seiner Vorstellung in Mass Effect 2 deutlich. Nach der Reanimation Shepards durch Cerberus muss diese sich ein neues Team aufbauen, da sich ihre alte Crew nach ihrem Tod in die Galaxis verstreut hat. Dazu bekommt sie Dossiers verschiedener Spezialist*innen. Das von Mordin heißt lediglich The Professor.

Shepard trifft den Wissenschaftler erstmals auf der Raumstation Omega, wo er eine Klinik gegründet hat. Große Teile von Omegas Bevölkerung leiden unter einer biochemischen Krankheit, die von den Kollektoren über die Lüftungssysteme eingeschleust wurde. Seinen Einsatz begründet Mordin zunächst rein rational – es gab Arbeit, die er erledigen konnte – doch in Gesprächen findet Shepard sukzessiv seine wahren Beweggründe heraus. Nach der Modifikation der Genophage hat Mordin sich freiwillig gemeldet, um regelmäßig die Effekte des Virus auf die kroganische Bevölkerung zu kontrollieren. Er ist überzeugt, dass er den Schaden seiner eigenen Entwicklung regelmäßig mit eigenen Augen sehen müsse. Dabei entwickelt er erste ethische Zweifel, weshalb er sich verstärkt in seiner Klinik engagiert.

„Have killed many, Shepard. Many methods. Gunfire, knives, drugs, tech attacks, once with farming equipment. But not with medicine.” [Mordin]

Nachdem sich Mordin der Normandy anschließt, übernimmt er die Leitung des Technologielabors und entwickelt fortan Waffen- und Rüstungs­upgrades sowie diverse Forschungsprojekte. Die Dialoge zwischen ihm und Shepard sowie die verfügbaren Hintergrund­informationen inszenieren Mordin als das Ideal eines salarianischen Wissenschaftlers – rational, emotionslos, logisch. Er rechtfertigt stetig sein Verhalten in Bezug auf die Genophage und betont, streng utilitaristisch, dass ein Verlust von kro­ga­ni­schem Nachwuchs im Gesamtbild weniger schwer wiege als ein von ihnen ausgelöster Krieg. Er sieht sich und seine früheren Kolleg*innen trotz aufkeimender Zweifel noch immer im Recht. Dieses Gedankenkonstrukt gerät das erste Mal aus den Fugen, als Shepard in einer Loyalitäts­mission mit ihm nach seinem ehemaligen Assistenten Maelon sucht, der nach Mordins Informationen von Kroganer*innen auf Tuchanka entführt wurde.

Maelon ist maßgeblich an der Freisetzung der Genophage beteiligt gewesen, weshalb Mordin um dessen Leben fürchtet. In der Mission findet die Crew heraus, dass die Kroganer*innen sich von Maelons Forschung erhoffen, experimentell die Genophage heilen zu können. Dies beinhaltet auch Zwangs­experimente an Gefangenen. Der Fund einer toten Kroganerin bringt Mordin erneut zum Zweifeln. Sie hat sich offensichtlich in ihrer Ver­zweif­lung freiwillig gemeldet und ist dann an den Folgen gestorben. Eine weitere freiwillige Meldung irritiert Mordin allerdings noch stärker. Entgegen seiner Erwartung ist Maelon nicht entführt worden. Er konnte mit den Auswir­kun­gen seiner Arbeit auf die kroganische Bevölkerung nicht länger leben und hat sich aus schlechtem Gewissen freiwillig auf Tuchanka gemeldet, um bei der Heilung der Genophage mitzuwirken.

Mordin bekommt die Auswirkungen seiner Forschung vor Augen gehalten.

Dass jemand jenseits seiner eigenen inneren Zweifel an der Legitimität seiner Forschungsarbeit zweifelt, versetzt Mordin in Rage. Nur die Inter­vention von Shepard kann verhindern, dass er seinen Assistenten umbringt und dessen Forschungsergebnisse zerstört. Doch die abweichende Perspek­tive seines ehemaligen Gefährten löst langfristig Reflektionsprozesse bei ihm aus. Er beginnt ebenfalls, die Konsequenzen seiner Forschung stärker zu berück­sichtigen und entfernt sich dadurch mehr und mehr von seinem vorherigen pragmatischen Ansatz.3

Deutlich machen dies vor allem die Geschehnisse im dritten Teil der Reihe. Die Crew der Normandy hat sich nach Mass Effect 2 getrennt und geht eigenen Aufgaben nach. Mordin ist oberflächlich wieder in die Special Tasks Group eingetreten, gibt jedoch all ihre Pläne und Informationen heimlich an den kroganischen Clan Urdnot weiter. Hat Mordin sich zuvor noch von Maelon hintergangen gefühlt, weil dieser seine Forschung rückgängig machen wollte, hilft er Shepard auf dem Planeten Sur’Kesh nun selbst, eine fruchtbare Kroganerin zu retten. Nach dieser Mission schließt sich Mordin erneut Shepard an, leitet jedoch nicht mehr das technologische, sondern das medizinische Labor. Er setzt sich das Ziel, die gerettete Kroganerin Eve von der Genophage zu heilen.

Tatsächlich gelingt ihm die Erforschung eines Heilmittels. Es folgen mehrere Sequenzen, die den stetigen, inneren Wandel Mordins offenlegen. Er hat das Heilmittel nicht nur auf Eve angepasst, sondern ein universelles entwickelt, da er sich entschieden hat, die Genophage endgültig zu heilen. Zu diesem Zweck möchte er abermals die Shroud auf Tuchanka einsetzen, weil das der einzige passende Ort für eine Richtigstellung sei. Diesen drastischen Sinnes­wandel versucht Mordin in Gesprächen zuerst zu rationalisieren. Die galaktischen Bedürfnisse hätten sich seit Einsatz der Genophage geändert und es bräuchte wieder eine starke kroganische Bevölkerung, um den Krieg gegen die Reaper gewinnen zu können. Wenn Shepard in weiteren Gesprä­chen nachhakt, gibt Mordin zu bedenken, dass es wenige Salarianer*innen gäbe, die ein Interesse an der Heilung der Genophage hätten. Die restlichen seien jung und unerfahren. Da er selbst langsam alt werde und er der einzige sei, der ohne Probleme und Risiken die Kur entwickeln könne, sei eine Heilung durch ihn das geringste Übel.

Mit seinem neuen Kurs stellt sich Mordin bewusst gegen seine wissen­schaft­lichen Kolleg*innen der Special Tasks Group. Diese versuchen auf ver­schie­dene Weisen, eine Rücknahme der Genophage noch zu verhindern. So sabotieren sie beispielsweise die Shroud, um die Implementation und Verbreitung neuer Stoffe zu erschweren.

Während der Heilungsmission kommt es dann wie erwartet zu schweren Komplikationen. Der gesamte Komplex wird angegriffen und in den Türmen der Shroud ereignen sich mehrere Explosionen. Weil Shepard befürchtet, dass ein Erfolg nur zu Lasten ihres Team-Mitglieds erzielt werden kann, konfrontiert sie Mordin am Fuß der Shroud ein letztes Mal mit der Frage, warum er die Genophage plötzlich heilen wolle. Unter diesem Druck bricht die rationale Fassade des Salarianers auf und er gesteht, dass er mit der Genophage einen großen Fehler begangen habe. Für das Leid, das diese Krankheit verursacht habe, sei er als deren Erfinder verantwortlich und er könne sich nicht mehr hinter Statistiken verstecken. Wissenschaft ohne das Einbeziehen von ethischen Beweggründen möchte er nicht mehr gutheißen.

„Had to be me. Someone else might have gotten it wrong.” [Mordin]

Mordins Geschichte endet damit, dass er alleine den Kontrollraum der Shroud betritt, die Heilung erfolgreich implementiert und dann bei einer Explosion sein Leben verliert. Hier zeigt sich vor allem die deutliche historische Parallele zum Moment der Implementation seiner Viren­modi­fi­zierung. Statt an einen weniger optimalen Ort auszuweichen oder einen anderen Zeitpunkt zu wählen, riskiert Mordin für seine Forschung bewusst seine Gesundheit – und verliert diesmal nicht bloß ein Horn, sondern sein Leben. Bis zum Schluss charakterisiert ihn das Spiel damit als Wissenschaftler, der für seine Arbeit bis ans Äußerste geht.

Die dargestellte Figur des Genetikers macht in der fortlaufenden Geschichte einen immensen Wandel durch. Dabei tötet Mordin nie, ohne einen aus­reichenden Grund dafür zu haben. Er ist sowohl bei der Freisetzung der Genophage als auch bei deren Heilung fest davon überzeugt, nach besten wissenschaftlichen und persönlichen Standards sowie soziopolitischen Bedürfnissen zu handeln. Er sieht sich durch die aufkeimende Bedrohung der Galaxis gezwungen, eigenständig über das Überleben und die Lebens­qualität verschiedener Spezies zu entscheiden und wählt letzten Endes die Lösung, die er nach seinen rationalen Maßstäben als beste auserkoren hat. Er geht davon aus, dass ohne seinen „reproduktiven Genozid“4 ein ver­heeren­der Krieg ausbrechen würde. Spannend ist darüber hinaus, dass das Spiel Mordins Gewinn an moralischen Abwägungen nicht mit einem Verlust an Wissenschaftlichkeit ausgleicht. Vielmehr adaptiert er sein wissen­schaft­liches Verständnis an seine neuen Erkenntnisse – dass Forschung und Wissenschaft zwar einem Zweck dienen sollten, dieser Zweck aber nicht alle Mittel heiligt.

Dieser Wandel zeigt sich auch mit Blick auf die Kriterien nach Beauchamp und Childress. Strenggenommen verstößt Mordin bei der Entscheidung für die Genophage gegen das Prinzip der Gerechtigkeit. Eines der haupt­säch­lichen Argumente für den Virus war die rasante Geburtenrate und somit Gefährdung der anderen Völker durch kriegerische Unterwerfung und Vernichtung. Ein anderes Volk – das der Asari – bedroht die Galaxis durch ihren Modus der Fortpflanzung, der langsam aber stetig andere Rassen dezimiert. Die Ursache dafür ist genetisch, wird aber weder von Mordin noch von anderen Mitgliedern der Special Tasks Group jemals bekämpft.

Davon abgesehen handelt Mordin mit Blick auf seine eigenen Werte­vor­stel­lungen sowohl bei der Implementation der Genophage als auch bei deren Heilung in Einklang mit den Prinzipien der Schadensvermeidung sowie der Fürsorge. Durch eine Verschiebung seiner Präferenzen kommt er jedoch am Ende zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Anfangs wertet er den Virus als beste Form der Schadensvermeidung, da er mit Blick auf die gesamte Galaxis die Kroganer*innen als Bedrohung wahrgenommen hat. Nach persönlichem Kontakt mit Kroganer*innen sowie direktem Erleben der Konsequenzen seines Handelns beginnt Mordin, rein-rechnerische Über­legungen in den Hintergrund zu rücken und einzelne Schicksale stärker zu berücksichtigen. Um Schaden zu vermeiden, sieht er sich deshalb gezwungen, die Genophage zu heilen. In beiden Fällen handelt Mordin jedoch im Einklang mit der Prinzipienethik.

Bei der Implementation der Genophage verstößt Mordin jedoch gegen das Prinzip des Respekts der Autonomie. Er setzt sich eindeutig über den Willen der Kroganer*innen hinweg und ändert sein Verhalten auch nicht, nachdem er explizit darum gebeten wird. Dieser starke Bruch mit dem Prinzip wird erst mit Heilung des Virus aufgehoben, die gemeinsam mit kroganischen Clan-Anführer*innen auf deren expliziten Wunsch durchgeführt wird. Die Handlung zeigt folglich einen Wandel Mordins hin zu einem ethischeren Umgang mit Wissenschaft.

Was darf Wissenschaft?

Die anfänglich erwähnte Organisation Cerberus folgt auf den ersten Blick ähnlichen Argumentationen wie der frühe Mordin. Der Illusive Man, Anführer der Gruppe, nimmt die Galaxis als menschenfeindlich wahr und kritisiert mehrfach, dass die anderen Spezies die Talente der Menschen nicht würdigen. Der fehlende Platz im Rat der Citadel, die konsequente Minder­schätzung ihres militärischen Drohpotenzials – all dies versucht Cerberus zu ändern. Zwei Teammitglieder Shepards – Miranda Lawson und Jack – haben direkten Kontakt zu Cerberus gehabt. Miranda ist lange Zeit Mitglied von Cerberus, während Jack von der Organisation für Experimente entführt wurde.

Die Organisation folgt dem Credo, dass rational erstrebenswerte Ziele durch jedwedes Mittel erreicht werden dürfen. Dabei hat Cerberus allerdings nicht die Galaxis im Blick, sondern ausschließlich die Rasse der Menschen. Da sie auch vor Anschlägen und Entführungen anderer Spezies nicht zurück­schreckt, wurde Cerberus vom Rat der Citadel einhellig zu einer Terrororganisation erklärt.

„Strength for Cerberus is strength for every human. Cerberus is humanity.” [Illusive Man]

Doch diverse Nebenquests und Gespräche mit der vermeintlich bis zur Perfektion optimierten Gefährtin Miranda sowie ihrem Gegenstück Jack offenbaren, dass Cerberus selbst gegenüber Menschen mit ihrer Forschung nach reiner Zweck-Mittel-Ratio entscheidet. Am deutlichsten wird dies während einer Mission auf dem Planeten Pragia. In der dortigen Forschungs­­einrichtung erforschten Mitglieder von Cerberus illegal das biotische Potenzial von Menschen – allerdings unter unmenschlichen Bedingungen. Jack wurde in ihrer Kindheit gegen ihren Willen medi­zi­ni­schen Ex­peri­men­ten unterworfen und berichtet in mehreren Gesprächen davon, dass Cerberus in dieser Einrichtung gewaltsame Experimente an Kindern durchgeführt habe. Diese wurden entführt oder von Sklaven­treibern gekauft und für den wissenschaftlichen Fortschritt der Organisation geopfert.

Während der Bedrohung durch die Reaper erforscht Cerberus deren Technologie. Statt sie für das Wohl der Galaxis einzusetzen, versklavt die Organisation damit ihre Mitarbeiter, um sie zur Loyalität zu zwingen. Das Spiel ist gespickt mit Momenten, in denen Shepard persönlich oder virtuell auf Menschen trifft, die sich von den Vorgängen bei Cerberus lösen wollen. Die Menschen, denen die Organisation dienen soll, erkennen verstärkt die Fehler und Probleme ihres Vorgehens und kritisieren die Experimente und Anschläge der Organisation. Der Illusive Man und mit ihm Cerberus schaffen es im Gegensatz zu Mordin bis zum Ende des Spiels jedoch nicht, ihre Ein­stel­lungen zu reflektieren und ihre wissenschaftlichen sowie mili­tärischen Bemühungen für andere Zwecke einzusetzen. Das Handeln des Illusive Man bleibt bis zum Ende utilitaristisch.

Cerberus‘ Akteure bleiben überzeugt, dass ihr Ziel den Einsatz aller wissen­schaftlichen Mittel rechtfertigt. Je weniger die Figur selbst jedoch ethische Verantwortung thematisiert, desto stärker gehen die restliche Geschichte und ihre Charaktere darauf ein. Trotz ihrer Rettung durch Cerberus beugt sich Shepard beispielsweise niemals komplett dem Willen des Illusive Man, sondern weist ihn wieder und wieder auf seine Fehlentscheidungen hin:

IM: „I made you, Shepard! I brought you back from the dead!”

S: “And I'm going to do what you brought me back to do. I'll fight and win this war without compromising the soul of our species.“

Selbst Miranda, die eigentlich die biotische Vorzeige-Agentin der Orga­ni­sa­tion ist, wendet Cerberus aufgrund ihres unmoralischen Vorgehens den Rücken zu. Sie gesteht offen ein, dass sie bei ihrer Einschätzung von Cerberus zunächst naiv war und dass sie nun die Vorgehensweise von Shepard präferiere. Das Spiel entzieht der amoralischen Organisation somit im Laufe seines Fortschritts ihre stärksten Mitglieder. Damit unterstreicht es, dass selbst in unethischen Systemen und Institutionen am Ende Individuen die Macht sowie die Verantwortung haben, für das Richtige einzustehen. Nicht alles, was wissenschaftlich möglich ist, muss auch mitgetragen werden. Der Genozid einer Rasse, Experimente an Kindern und Folter von Gefangenen werden auch bei Spieler*innen auf Kritik stoßen, stehen sie doch mehrheitlich in einem krassen Widerspruch zu gesellschaftlich vereinbarten Ethikkodizes. Diese Kodizes sind oft ein direktes Ergebnis von Kriegen und Revolutionen, um eine Wiederholung solcher Ereignisse zu verhindern. Das Erleben der immensen Menschenrechtsverletzungen im Nationalsozialismus führte zu der weitverbreiteten Überzeugung, dass eine Einführung allgemeiner Menschenrechte solche Gräuel zukünftig verhin­dern könnte. Als Resultat haben die Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verkündet. Darin enthalten sind etwa das Recht auf Freiheit und die Verbote von Folter und Diskriminierung. Die Erklärung ist zwar juristisch unverbindlich, hat aber dennoch einen großen Einfluss auf Gesellschaften und spätere Gesetz­gebung wie etwa die Europäische Menschenrechtskonvention von 1953 gehabt.

Eine vergleichbare Erklärung existiert im Mass Effect-Universum nicht, weil der Rat der Citadel keine vergleichbaren Erklärungen erlässt. Jedoch greift das Spiel das historische Wissen der Spieler*innen und ihre – aller Vor­aus­sicht nach vorhandenes – Kenntnis der Menschenrechte auf und kon­frontiert sie mit entsprechenden Konflikten. Der Illusive Man vertritt als Anführer von Cerberus die Ansicht, dass jedes Mittel gerechtfertigt ist, um der Menschheit zu mehr Macht zu verhelfen. Die offizielle übernationale Regierung der Menschen – die Allianz – schaffe es seiner Ansicht nach nicht, weil sie sich von den Gesetzen und informellen Regeln des Citadel-Rats zu sehr einschränken lasse. Im Namen des menschlichen Aufstiegs begeht der Illusive Man diverse Verbrechen von Folter, über Terroranschläge und Sabotage bis hin zu Attentaten. Er ist überzeugt, dass diese Taten durch ihren Erfolg in der Zukunft gerechtfertigt würden. Den Spieler*innen sind realweltliche Beispiele von vergleichbaren Herrscher*innen und Orga­ni­sationen bekannt, die sich für den vermeintlichen Willen ihres Volkes über Menschenrechte hinwegsetzen. Die Entscheidung für oder gegen die Kooperation mit dem Illusive Man findet daher nie in einem Vakuum statt. Gleichzeitig können sie die Zusammenarbeit nicht gänzlich ausschließen, weil der Plot des zweiten Teils dies erzwingt. Shepard stirbt bei einem Angriff auf die Normandy. Cerberus sucht jedoch an der Unfallstelle nach ihrer Leiche und belebt sie durch ein milliardenschweres, mehrjähriges Projekt (Lazarus Project) wieder. Dadurch sehen die Spieler*innen sich gezwungen, Aufträge für Cerberus zu erfüllen und werden direkt in das Vorgehen der Organisation involviert.

Die vier biomedizinischen Prinzipien offenbaren den Charakter der Handlungen vom Illusive Man. Inhärent in seinem Motiv, die menschliche Rasse besserzustellen als die anderen galaktischen Spezies, ist die un­ge­rechte Behandlung anderer Völker. Zwar schreckt der Illusive Man auch nicht vor Experimenten an Menschen zurück, diese sind jedoch nicht vergleichbar mit den, was er für andere Rassen plant. Er rechtfertigt sein Vorgehen mit der Ungerechtigkeit der anderen, die die Menschen unter­drücken. Aus seiner Perspektive erfüllt er demnach das Kriterium der Fürsorge – was er macht, mache er langfristig zum Wohle seiner Mit­menschen. Dafür sind ihm allerdings wie zuvor ausgeführt jedwede Mittel recht. Er schadet seinen Opfern nicht nur, sondern wählt seine Mittel oft explizit, um durch größeren Schaden Zeichen zu setzen. Dies brachte seiner Organisation letztlich von allen Citadel-Völkern und den Menschen die Zuschreibung als terroristisch ein.  Darüber hinaus entführt er wie etwa im Fall von Jack Versuchs­per­sonen, um gegen deren Willen Experimente an ihnen durchzuführen. Er nutzt Zwang und setzt sich über die Wünsche anderer hinweg. Damit verstößt das Handeln des Illusive Man – wenn die Fürsorge ihm als tatsächliche Überzeugung angerechnet wird – gegen drei von vier der ethischen Prinzipien.

Damit repräsentiert der Illusive Man den Missbrauch von Wissen­schaft und Forschung für die eigenen Zwecke. In der letzten Konfrontation von Shepard und dem Illusive Man illustriert der dritte Teil der Reihe ihn als Gegenspieler, der die Reaper und ihre Technologie für die Machtsteigerung der Mensch­heit einsetzen will, statt sie zu zerstören. Shepard schafft es weder durch gutes Zureden noch durch direkten Widerspruch, den Illusive Man von dieser Überzeugung abzubringen – die Konfrontation endet mit seinem Tod.

Bilder von Wissenschaft in Mass Effect

Mordin Solus und der Illusive Man sind beide davon überzeugt, dass Wissenschaft ihnen helfen kann, die Galaxie in ihrem Sinne zu verbessern. Beide Charaktere zahlen für diese Überzeugung mit dem Leben.

Die ausgewählten Aspekte zeigen exemplarisch, welche Rolle die Wissen­schaft in der Welt von Mass Effect einnimmt und beleuchten zwei unter­schied­liche Sichtweisen, wofür sie verwendet werden kann. Ist Mordin anfangs noch überzeugt, dass er sich über den Willen der Kroganer*innen hinwegsetzen darf, um seine Überzeugung durchzusetzen, erkennt er dies später als einen Fehler. Er will seine Forschung nutzen, um diesen Fehler zu begleichen und endet sein Leben mit der Überzeugung, dass er als Forscher die Verantwortung für die Konsequenzen seines Handelns tragen muss. Dementgegen tragen die Verantwortung für das Handeln des Illusive Man alle außer er selbst. Er sieht seine Forschung als ein Mittel, mit dem er Macht erlangen und seine Ziele durchsetzen kann.

Auf diese Weise stellt das Spiel unterschiedliche Wertesysteme einander gegenüber, die auch in der real­weltlichen Wissen­schafts­diskussion auf­einander­prallen. So gibt es beispielsweise in Feldern wie der Gen­forschung Wissenschaftler*innen, die bestimmte Forschungszweige wie das Klonen wegen der möglichen, ethischen Implikationen aus Prinzip ablehnen. Andere sehen wissenschaftliche Chancen, die sie auf jeden Fall ergreifen wollen und empfinden Einschränkungen aus ethischen Gründen als Behinderung ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Wissenschaft ist für einige ein Wert an sich, für andere ethisch-moralischen Einschränkungen unter­wor­fen und für abermals andere lediglich ein Mittel zu einem höheren Zweck.

Die dargestellte Wissenschaft in Mass Effect ist dabei wie in der realen Welt nicht per se gut oder böse. Sie kann sowohl ein Mittel totaler Zerstörung und Kriegsführung als auch der Heilung und Lebensverbesserung sein. Sie kann Mittel sein, um die Bewohner*innen der Galaxis zu vereinen oder um sie gegeneinander auszuspielen. Im Falle der Reaper kann die Technologie auch für die Zerstörung der gesamten Galaxis benutzt werden. Somit hängt die Redlichkeit wissenschaftlichen Handels vielmehr von der Intention der Wissenschaftler*innen sowie der ihr zugrundeliegenden Moralvorstellung ab.

Die Geschichte um Commander Shepard zeigt aber auch, dass jede Form des wissenschaftlichen Fortschritts Konsequenzen haben und bisher un­be­dach­te Fragestellungen aufwerfen kann. Für die Ergebnisse ihrer Arbeit müssen die Wissenschaftler*innen dieser Galaxis Verantwortung über­nehmen, entweder eigenverantwortlich oder implizit durch das Verhalten ihrer Mitbürger*innen. Darüber hinaus gilt es stets, sich selbst und seine Über­zeugungen zu hinterfragen und gegebenenfalls seinen Kurs zu korrigieren. Mit einem solchen Verständnis kann die Wissenschaft auch für zukünftig aufkommende Problemstellungen gewappnet sein. Die Spieler*innen können die dargestellten Schlüsselmomente nur bedingt beeinflussen. Egal, ob sie Mordin helfen oder ihn von seinem Ziel gewaltsam abzuhalten versuchen, er gibt für seine Über­zeugung sein Leben. Auch der Konflikt mit dem Illusive Man endet für diesen in jedem Fall tödlich, wobei der Unterschied nur darin liegt, ob er sich selbst erschießt oder von Shepard umgebracht wird. Damit fordert das Geschehen die Spieler*innen dazu auf, sich über das Dialogsystem zu den Fragen selbst zu positionieren, weil keine der Entscheidungen einen spielerischen Vorteil bringt. Stimmen sie Mordin zu, dass die Kroganer*innen das Recht auf (reproduktive) Selbstbestimmung haben oder sehen sie den ungestörten Frieden der Galaxis als höheres Gut? Solche und ähnliche Abwägungen durchsetzen die gesamte Trilogie und sind verwoben mit realen wissen­schaftlichen Diskursen, sowohl aus der Vergangenheit als auch der Gegenwart. Eine Auseinandersetzung mit ihnen kann das Verständnis für sowie das Interesse an Wissenschaft erhöhen, gleichzeitig aber auch zur Formulierung von Ansprüchen an Wissen­schaft­ler*innen beitragen. Wenn Spieler*innen miterleben, wie ethische, wissen­schaftliche Entscheidungen vor dem Hintergrund einer galaktischen Bedrohung durch Maschinen getroffen werden, beginnen sie möglicher­weise auch Entscheidungen aus ihrer Lebenswelt kritisch zu begutachten. Eine transparente, an Diskursen interessierte und an Prinzipien gebundene Wissenschaft könnte von einer solchen Beteiligung immens profitieren.

 

Verzeichnis der verwendeten Texte und Medien

 Spiele

BioWare: Mass Effect. Edmonton: Electronic Arts 2007.

BioWare: Mass Effect 2. Edmonton: Electronic Arts 2010.

BioWare: Mass Effect 3. Edmonton: Electronic Arts 2012.

Texte

Beauchamp, Tom und James Childress: Principles of Biomedical Ethics. 7. Aufl. Oxford: Oxford University Press 2013.

Dudo, Anthony et. al.: Portrayals of Technoscience in Video Games. A Potential Avenue for Informal Science Learning. In: Science Communication (2014), S. 1-29.

Jørgensen, Kristine: Game Characters as Narrative Devices. A Comparative Analysis of Dragon Age: Origins and Mass Effect 2. In: Eludamos. Journal for Computer Game Culture 4, 2 (2010), S. 315-331.

Munkittrick, Kyle: Why Mass Effect is the Most Important Science Fiction Universe of Our Generation. In: Popbiotethics (2012). <http://www.popbioethics.com/2012/02/why-mass-effect-is-the-most-important-science-fiction-universe-of-our-generation/> [23.03.2017].

Bildquelle des Artikelbilds: © BioWare, von: Mass Effect Wiki,  http://vignette2.wikia.nocookie.net/masseffect/images/3/3d/The_Shroud.png/revision/latest?cb=20120311225405

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  1. Vgl. Dudo: Portrayals of Technoscience in Video Games. 2014, S. 5. []
  2. Vgl. Beauchamp / Childress: Principles of Biomedical Ethics. 2013, S. 200ff. []
  3. Vgl. Jørgensen: Game Characters as Narrative Devices. 2010, S. 326. []
  4. Vgl. Munkittrick: Why Mass Effect is the Most Important Science Fiction Universe of Our Generation. <http://www.popbioethics.com/2012/02/why-mass-effect-is-the-most-important-science-fiction-universe-of-our-generation/.> [31.03.2017] []

Über Carolin Wendt

Carolin Wendt ist Projektmanagerin bei der Stiftung Digitale Spielekultur und arbeitet dort primär an zwei großen Projekten - der OER-Bildungs­platt­form Digitale-Spielewelten.de und dem Awardbüro vom Deutschen Computerspielpreis. Außerdem organisiert sie in Zusammen­arbeit mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Akteuren kulturelle Veranstaltungen mit digitalen Spielen. Sie hat einen Masterabschluss in Politikwissenschaften sowie einen Bachelorabschluss in Germanistik, Politikwissenschaften und Erziehungswissenschaft.

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