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Die unterschwellige Intertextualität in „Alan Wake“
Gedankensplitter - Sonderausgabe "Alan Wake"

Die unterschwellige Intertextualität in „Alan Wake“

Alan Wake strotzt vor auffälligen Anspielungen auf Stephen King, Hitchcock, das Max Payne-Universum und natürlich auch auf Twin Peaks. Doch es darf angenommen werden, dass die tatsächliche verwirrende und zum Teil gänzlich unzufrieden stellende Wirkung, die Alan Wake auf den Spieler zeigt, nicht ganz so subtil aufzufinden ist. Zum Teil liegt diese Wirkung wohl in der ständigen Frage danach, was wirklich vorgefallen ist und wo die Grenzen zwischen Traum, Fiktion und Realität zu finden sind. Dieses Changieren und die „Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer absoluten Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität“  1 André Breton (2002) Manifeste des Surrealismus. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlts Enzyklopädie. S. 18. sind nichts weniger als eine lautlose Berufung auf den Surrealismus. Die Unmöglichkeit im Verlauf des Spiels genau festzustellen, ob es sich um ein Universum handelt, in dem die Erscheinungen von Besessenen möglich sind, oder ob es sich dabei um Halluzinationen des Hauptcharakters handelt, sind ein Teil dieses Effekts. Bei näherer Betrachtung finden sich auch andere metaphorische Hinweise darauf.

So beispielsweise die Verbindung des unbennenbaren Dunkeln mit der Tiefe eines Sees, an dem Alan und Alice ihre Ferienwohnung beziehen. Wie sich später herausstellt, wird Alice durch das Dunkel in den See hinabgezogen. Wenn nun der See als das Unterbewusstsein gedeutet wird. So agiert dahingehend der Sprung, den Alan unternimmt um Alice zu retten, als ein Sprung in sein Unterbewusstsein. Dies stellt auch eine Erklärung für das Fehlen von Erinnerungen an eine komplette Woche dar, denn es kann angenommen werden, dass Alan in einem poetischen Raptus folglich gänzlich im Sinne der écriture automatique ein Manuskript verfasst. Die Entwicklung der écriture automatique erfolgte durch André Breton und Philippe Soupault bei der Erstellung ihres gemeinsamen Lyrikbandes Les Champs magnétiques.Dabei griffen die Autoren auf eine aus der Psychoanalyse bekannte Vorgehensweise zur freien Assoziation zurück. Im Gegensatz zum automatischen Schreiben ist bei diesem Vorgehen die Beteiligung von zwei Parteien von Nöten – nämlich von Arzt und Patient. In der surrealistischen Fortentwicklung dieser Methode lag die Konzentration auf einem Zutagefördern des Unterbewussten durch derartiges Schreiben.

Durch die Verbindung des Unterbewussten mit seinem Schreiben erreicht Alan einen rezeptiven Zustand, bei dem ihm die surrealistische Sprache selbst die Reden diktiert oder durch die Personifikation von Barbara Jagger auch die editierende Aufgabe an seinem Werk übernimmt. Das letztendliche Werk bzw. die einzelnen Seiten, die Alan auf seiner Suche nach Alice findet, erscheinen ihm wie für Breton und Soupault bei ihrem ersten Experiment mit dem automatischen Schreiben so fremd wie jedem anderen 2 „Es ist in der Tat sehr schwierig, die verschiedenen vorhandenen Elemente in gerechter Weise zu beurteilen, ja man kann sagen, daß es unmöglich ist, sie beim ersten Lesen zu beurteilen. Ihnen, der Sie schreiben, sind diese Elemente scheinbar ebenso fremd wie jedem andern, und Sie mißtrauen ihnen natürlicherweise“. ebd. S. 25. . Infolge dieser unerklärbaren Tatsache versucht Alan herauszufinden, was tatsächlich vorgefallen ist. Sein Handeln kann in dieser Hinsicht als ein surrealistisches verstanden werden, denn

der Surrealismus [strebt] einfach danach, unser gesamtes psychisches Vermögen zurückzugewinnen auf einem Wege, der nichts anderes ist als der schwindelnde Abstieg in uns selbst, die systematische Erhellung verborgener Orte und die progressive Verfinsterung andrer, ein ständiges Wandeln auf streng verbotenem Terrain 3 ebda. S. 65 .

Dieser schwindelnde Abstieg geschieht bei Alan Wake mit Hilfe der Erinnerung und durch die Rückkehr ins Unterbewusste, das durch den See symbolisiert wird, während die Erhellung der dunklen Elemente durch das Stecken der Lampe in Barbara Jaggers Brust stattfindet. Dadurch wird etwas Verborgenes zu Tage gefördert. Im Falle Alans handelt es sich um Alice, die die Möglichkeit hat aus dem Inneren des Sees aufzutauchen. Alice würde dahingehend das Medium darstellen, das zwischen dem Unterbewussten und der Realität agiert. Dadurch, dass Alan ihr ins Unterbewusste folgen muss, fördert sie seine Kreativität, was an der Entstehung eines neuen Manuskripts ersichtlich wird. Nur durch das Herausschreiben von Alice und damit ihr Auftauchen aus seinem Werk, kann und muss er ihr aus dem Zwielicht des inspirierenden Zustands nachfolgen, um sich nicht im Wahn zu verlieren.

Nicht nur der See als Symbol des Unterbewusstsein, sondern auch die Gesamtheit der düsteren Stimmung, der gedämpften Farben und des Geschehens vor allem bei Nacht zeigt darin auch eine Parallele zum Hang des Surrealismus vor allem zum Düsteren und zum Pessimismus. Das Einzige, was scheinbar in diesem Setting noch zu Fehlen hat, sind Lautréamonts Seziertische und Nähmaschinen 4 Der Ausspruch Lauréamonts in seinen Les chants de Maldoror „beau (…) comme la rencontre fortuite sur une table de dissection d’une machine à coudre et d’un parapluie!“ wurde später zum Leitspruch der surrealistischen Bildlichkeit. Vgl. dazu Comte de Lautréamont. 1920. Les chants de Maldoror. Free Download & Streaming : Internet Archive“. 2013. S. 323. Zugänglich im Internet: http://archive.org/details/leschantsdemaldo00laut (abgerufen 29.04.2013). . Zusätzlich zeigt sich der Pessimismus in der Gefühlsstimmung des Charakters, der in einer Doppelung seiner Persönlichkeit seine eigene Zukunft kommentiert.

 

Auch die Doppelung der Figur und damit eine Anspielung auf einen möglichen psychopathologischen Zustand Alans insistiert einen Bezug zum Surrealismus und seiner Begeisterung sowohl für Psychoanalyse, als auch den Wahn im Allgemeinen 5 vgl. Asti Hustvedt (2011) Medical Muses. London: Bloomsbury. S. 210 . Die Doppelung der Figur, die sich – wie es sich nach dem Durchspielen der DLCs herausstellt – zum einen immer noch in einem katatonischen Zustand an dem dunklen Ort befindet, deutet an, dass eine Spaltung in Alans Persönlichkeit vorgefallen ist. Die Möglichkeit die gesamten Vorfälle als Halluzinationen zu verstehen, die in Folge eines Traumas nach dem Tod von Alice entstanden sind, wird im Spiel durch die Person von Dr. Hartmann mehrmals –unter anderem selbst durch Halluzinationen– angeboten. Doch das Spiel lässt diese einfache Auflösung nicht zu, sondern verstrickt den Spieler weiter auf der Suche nach einer Möglichkeit das Geschehen zu deuten.

Die Verbindung von möglichem Wahnsinn des Protagonisten mit einer gewissen Traumthematik, die sich im Falle von Alan Wake bereits im Tutorial findet, offenbart ebenso einen Bezug zum Surrealismus 6 Besonders wird diese Thematik bei André Bretons Les vases communicants deutlich, da die Verbindung von Traum und Wahn durch das Fehlen räumlicher und zeitlicher Elemente bestimmt ist. . In dieser Konstellation ist auch ein „Glaube an ein produktive Funktion des Wahnsystems gegenüber der systemlosen, inkohärenten und nur von Nützlichkeitserwägungen bestimmten Alltagserfahrung“ 7 Salvador Dali (1974) Gesammelte Schriften. Unabhängigkeitserklärung der Phantasie und Erklärung der Rechte des Menschen auf seine Verrücktheit. München: Rogner und Bernhard. S. 413. verbunden, der bei Alan Wake durch die Person von Dr. Hartmann verdeutlicht wird. Dieser gebraucht den Wahn seiner Patienten jedoch im negativen Sinne dazu durch die geschaffenen Werke seinen eigenen Ruhm und Erfolg zu vermehren. In Falle Alans jedoch möchte Hartmann das Talent des Bestsellerautors in Verbindung mit den Kräften des Sees dazu gebrauchen, um eine neue bessere Realität zu schaffen. Hinsichtlich dieser Absicht und der vorhin geschilderten Symbolik des Sees als Unterbewusstsein offenbart sich ein Hinweis auf die surrealistischen Bestrebungen nach der Auflösung von Realität in einer Surrealität.

Darin zeigt sich, dass Alan Wake nicht nur thematisch Bezüge zum Surrealismus herstellt, sondern auch durch seine düstere Ästhetik und den Anschein des Realen in der Handlung. Die verstörende Wirkung, die der Surrealismus durch seine Thematik, Ästhetik und den stetigen Wunsch den Betrachter zu schockieren, ihn zum Nachdenken zu animieren, auslöst, geht auch bei den Anspielungen in Alan Wake nicht verloren. So bleibt der Spieler am Ende doch im Ungewissen, was tatsächlich vorgefallen ist und wo die verschwommenen Grenzen zwischen Realität, Wahn und Fiktion zu ziehen sind.

Fußnoten   [ + ]

1. André Breton (2002) Manifeste des Surrealismus. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlts Enzyklopädie. S. 18.
2. „Es ist in der Tat sehr schwierig, die verschiedenen vorhandenen Elemente in gerechter Weise zu beurteilen, ja man kann sagen, daß es unmöglich ist, sie beim ersten Lesen zu beurteilen. Ihnen, der Sie schreiben, sind diese Elemente scheinbar ebenso fremd wie jedem andern, und Sie mißtrauen ihnen natürlicherweise“. ebd. S. 25.
3. ebda. S. 65
4. Der Ausspruch Lauréamonts in seinen Les chants de Maldoror „beau (…) comme la rencontre fortuite sur une table de dissection d’une machine à coudre et d’un parapluie!“ wurde später zum Leitspruch der surrealistischen Bildlichkeit. Vgl. dazu Comte de Lautréamont. 1920. Les chants de Maldoror. Free Download & Streaming : Internet Archive“. 2013. S. 323. Zugänglich im Internet: http://archive.org/details/leschantsdemaldo00laut (abgerufen 29.04.2013).
5. vgl. Asti Hustvedt (2011) Medical Muses. London: Bloomsbury. S. 210
6. Besonders wird diese Thematik bei André Bretons Les vases communicants deutlich, da die Verbindung von Traum und Wahn durch das Fehlen räumlicher und zeitlicher Elemente bestimmt ist.
7. Salvador Dali (1974) Gesammelte Schriften. Unabhängigkeitserklärung der Phantasie und Erklärung der Rechte des Menschen auf seine Verrücktheit. München: Rogner und Bernhard. S. 413.

Schlagworte

Spiele

So zitieren Sie diesen Artikel:

: Die unterschwellige Intertextualität in „Alan Wake“. 26.06.2013. Zugriff: 18.09.2020 - 10:40.

Maria Kutscherow

Maria Kutscherow absolvierte ihr Bachelor-Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilans-Universität München. Derzeit studiert sie Nordische Philologie, sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft im Doppel-Master an der Ludwig-Maximilians-Universität München.